Politisches Bloggen
Valentin bat mich, einen Artikel zu schreiben. Sein Wunsch ist mir Befehl. Ausgehend von der Sommerloch-Diskussion um die bloggenden, bzw. nicht-bloggenden Politiker, wollte Valentin von mir wissen, wie es so ist als Nicht-Parteiler, wenn man (lokal)politisch bloggt.
Die Politiker
Doch bevor wir zu meiner Person kommen, noch ein paar Gedanken zum Ausgangsthema – den bloggenden Politikern. Bevor sich die Blogosphäre Gedanken darüber machte, warum so wenige Politiker bloggen, stellte ich mir außerdem die Frage, warum die Politiker die bloggen, hauptsächlich aus dem linken Lager, vornehmlich der SPD stammen? Okay, die jungen CDU-ler fallen auch auf. Sie sind im Netz ebenfalls Web 2.0-mäßig vertreten — aber anders. In meinem NewsfeedReader habe ich außerdem einige grüne Blogs abonniert — die schweigen allerdings schon seit langer Zeit …
Auch fragte ich mich (und Valentin) warum so wenige Politiker aus dem Westen Hamburgs bloggen würden? Dazu gibt es keine befriedigende Antwort. Leider. Nur die, dass vermutlich die Herrschaften “aus der Führungsriege”, wie es Hansjörg Schmidt schon richtig vermutet, nicht medien-afin sind und somit schlicht keinen wirklichen Bezug zu dieser Art der Kommunikation haben. Der Generationswechsel ist also noch nicht vollzogen. Mein +60-Vater würde die gesamte Technik hinter einem Blogeintrag (Wie einloggen? Wie schreiben? Wie verlinken? Warum überhaupt schreiben?) nicht verstehen – so ist es vermutlich auch bei den älteren Politikern.
Wir sind uns alle darüber einig, dass wir keine PR-Schleudern haben wollen, sondern “echte Menschen”, die ihre Gedanken zu Blog geben. Erst kürzlich fand ich wieder einen “hippen Blog”, der vor der Hamburger Bürgerschaftswahl im Februar zuletzt bestückt wurde. Der Blog als Wahlmittel, nicht als permanente Informationsquelle. Schade. Es müssen sich wohl erst jüngere (Kommunal-)Politiker ihren Weg nach oben bahnen, dann wird hoffentlich mehr direkt von Politikern gebloggt.
Das Zeit-Argument, wonach Politiker – vor allem Freizeit- oder Feierabendpolitiker – wenig Zeit hätten, lassen wir nicht wirklich gelten. Aus dem einfachen Grund, weil es Beispiele für bloggende Politiker gibt. Keiner verlangt eine Artikelquote von zwei und mehr Blogbeiträgen pro Tag. Aber ein- oder zweimal pro Woche sollte es Politikern durchaus möglich sein, politische oder auch persönliche Gedanken niederzuschreiben.
Warum blogge ich?
2005 fing ich an zu bloggen, weil mir das, was der Hamburger Senat tagtäglich verbrochen hat (und noch immer verbricht), extrem gegen den Strich ging. Ich lese viele Zeitungen im Internet und höre nebenbei Radio. Die hiesige Presse ist fest auf eine politische Richtung eingeschossen, somit ist die Berichterstattung eher eintönig. Von Objektivität sind wir oft Meilen entfernt.
Ich schreibe nicht nur um meinem Frust über die politische Landschaft Luft zu machen. Hinzu kommt, dass man, wenn man über politische Themen schreibt (im Besonderen über lokalpolitische, wie ich es mache), eine Art Vorfilter für die Leser wird. Man liest, filtert, arbeitet ein Thema auf, schreibt es nieder und die Leser bekommen eine Zusammenfassung, garniert mit persönlicher Meinung. Ich brauche schließlich als Privatperson nicht objektiv zu sein, was ich von einer Tageszeitung allerdings schon erwarte. Dabei bemühe ich mich, nicht nur eine Quelle heranzuziehen, sondern möglichst noch weitere. Klar habe ich eine eigene politische Meinung. Die wird in meinen Beiträgen vermutlich auch ziemlich schnell deutlich.
Wie schaut es mit Resonanz aus?
Wenn es heißt, in Amerika wären Blogs politisch und hätten hohe Klickraten — dann sind wir hier in Deutschland wirklich ‘die alte Welt’. Nicht nur, dass bloggende Politiker rar sind, der Zuspruch der Leserschaft ist noch geringer. Die Politiker-Blogs, die ich lese, erfahren recht wenig Resonanz, was man an der geringen Kommentardichte ablesen kann. Diese kann allerdings auch mit den nicht vorhandenen technischen Fähigkeiten der potenziellen Leserschaft zu tun haben. Klaus Lübke schrieb dazu passend:
Zumal sehr viele Menschen immer noch keinen Zugang zum Internet gefunden haben, und selbst wenn, oft in den einfachsten Anwendungen stecken bleiben. (…) Machen wir uns doch noch einmal klar, das alleine auf den Elbinseln über 50.000 Menschen leben, von denen die meisten wohl noch nie auf eine lokalpolitische Internetseite geschaut haben.
Die Resonanz auf meine politisch angehauchten Beiträge fällt übrigens ebenfalls sehr mau aus. Wer nicht rumfrotzelt, pöbelt und zotig ist, der hat hierzulande weniger Leser. Doch das ist ein allgemeines Problem der Blogosphäre, resp. der Deutschen: sie wollen unterhalten oder richtig mächtig provoziert werden, aber nicht ‘aufgeklärt’. Sich Gedanken machen ist mühsam. Daher haben politische Blogs (mit Ausnahmen) keinen so hohen Leserzustrom.
Auch bei mir gibt es wenige Kommentare von Lesern. Darauf einmal angesprochen, ob mich das nicht frustrieren würde, habe ich diese Frage nach außen getragen und von meiner treuen Leserschaft (ich glaube, ich habe eine) unisono die Antwort erhalten, dass das, was ich schreibe schon so genau auf einen Punkt gebracht ist, dass meine Leser keinen Sinn mehr darin sähen, “Genau” oder “Sehe ich auch so” zu schreiben. So was geht natürlich runter wie Öl.
Solche Äußerungen zur “Kommentierunlust” lassen sich übrigens auch auf die Politiker-Blogs anwenden. Gehen wir davon aus, dass die SPD-Interessierten die SPD-Politiker lesen, die CDU-Interessierten die CDU-Politiker etc.. Man bleibt also in seinem Dunst- und Meinungskreis. Da braucht man offensichtlich nicht mehr zustimmend zu kommentieren.
Somit bleibe ich meiner Art zu schreiben treu und bei meinem Mix (ich schreibe schließlich nicht nur über Hamburg-Politik). Ich wiege mich in dem Wissen, dass ich A) eine treue Leserschaft habe (wenn auch eine überschaubare) und B) dieser mit dem oben erwähnten Filtern und Zusammenfassen eine Art Dienst leiste. Tatsächlich ist das politische Bloggen nicht nur zur “Selbstbefriedigung”, sondern auch als eine Art Service zu verstehen. Einfach ein “Hallo, lies Dir doch zu diesem Thema auch noch einmal diese oder jene Seite durch und nicht nur die aktuelle Tagespresse.”
Wunschliste
Zu einer Wunschliste reicht es nicht ganz, aber abschließend noch ein paar Worte zum Ausgangsthema – den bloggenden Politikern. Oft wird bei dem Thema die Nase gerümpft und mit einem Zitronengesicht gefragt, ob die das überhaupt dürfen? Natürlich dürfen die das. So eine Frage wird vermutlich hauptsächlich von denen gestellt, die selber Berührungsängste mit diesem Medium haben. Oder die neidisch sind, weil “ihre” Politiker nicht bloggen.
Wie eingangs erwähnt, wollen wir keine geleckten PR-Schleudern. Seien wir einmal ehrlich: der Politiker an sich, das unbekannte Wesen – ist uns Normalbürgern fremd und mittlerweile hat der Durchschnitt wirklich keine gute Meinung von den Volksvertretern. Das Bild des Politikers ist doch dies, dass er in einem Elfenbeinturm hockt, volksfremd und im Grunde eh nur auf seine Pfründe bedacht ist. (Schaut man sich den Hamburger Senat an, ist das nicht nur ein Vorurteil …)
Wenn nun ein Volksvertreter aber “frei nach Schnauze” bloggt, dann bringt uns das den Politiker wieder ein Stück näher. Wenn ich lese, dass die Politikerin X mit ihren Kindern Weihnachtsplätzchen backt oder der Politiker Y sich unermessliche Qualen antut, weil er Kilometer um Kilometer durch die Niederlande wandert, weil er das in seinen “Jugendjahren” auch schon einmal gemacht hat – dann bekommen diese Politiker auf einmal ein Gesicht. Sie werden wieder menschlich und volksnaher.
Von daher finde ich es durchaus wünschenswert, wenn sich mehr Politiker diesen Schritt zutrauten. Ein gesunder Mix aus politischer Meinung und Einblicken in die eigene Arbeit, aber auch eine persönliche Note ist unbedingt wünschenswert und erlaubt.
Zum Thema ‘Einblick in die Arbeit’: Es ist recht interessant, wenn man liest, dass Volksvertreter X gerade wieder eine kleine Anfrage gestellt hat oder was bei einer vorherigen herausgekommen ist. Das sind doch eher Informationen, die man nicht aus der Presse erfährt. Hier bekommt man “Insiderwissen” aus erster Hand vermittelt — das man dann wiederum auch in seinem eigenen Blog verarbeiten kann.
Das gilt übrigens auch fürs Microblogging — obwohl ich davon selber herzlich wenig halte … Wenn es Politiker machen, gewähren sie mit dieser Technik einen weiteren Einblick in ihre Arbeit. Vermutlich haben aber genau davor viele Volksvertreter Angst.